70 Jahre Jugendkantorei 2021

Lasst Euch das nicht entgehen!

Geschichten aus der Geschichte: Die Evangelische Jugendkantorei der Pfalz blickt 2021 auf ihr 70-jähriges Bestehen zurück. Unsere Mitarbeiterin Gertie Pohlit erinnert sich an ihren Beginn vor 55 Jahren und ihre ungewöhnlich lange Zeit der Mitwirkung bis 2008.

Von Gertie Pohlit 
Wir sind nahezu gleich alt, aber im Gegensatz zu mir hat sie sich stetig verjüngt – ohne jemals ihre Identität, ihr prägendes Profil preiszugeben: Die Evangelische Jugendkantorei der Pfalz, der Konzertchor der Protestantischen Landeskirche, war und ist so etwas wie die Visitenkarte der hiesigen evangelischen Kirchenmusik.

Die Gründung der Kantorei 1951 in Landau trug noch Nachkriegsspuren – im positiven Sinn. Die Kirchen waren gut gefüllt, nach dem braunen Terror verlangten Menschen nach Spiritualität und Kirchenmusik. Stimm-Material lag, salopp formuliert, mehr oder minder auf der Straße. Denn erst langsam formierten sich regional die Chöre, und begabte junge Menschen gierten nach einer Spielwiese zum Austoben ihrer Fertigkeiten.

Mit Alleinstellungsmerkmal

Adolf Graf, der orgelbewegte Lehrer aus Annweiler – gerade auf dem Weg, zum ersten Landeskirchenmusikdirektor einer Regionalkirche innerhalb der EKD gekürt zu werden – etablierte einen Konzertchor mit Alleinstellungsmerkmal: zur Aufführung der großen Händel- und Bach-Oratorien, eine Schmiede dazu für die künftige Kantoren-Elite im Land. Das funktionierte bekanntlich mit Karl Hochreiter, Wilhelm Krumbach, Hannelotte Pardall, Volker Hempfling, Frieder Bernius, um nur einige klangvolle Namen zu nennen.Als ich 1965 – mit 15 Jahren eigentlich noch unterhalb der Eintrittsgrenze – Aufnahme fand, spielte die Jugendkantorei bereits in der kulturellen Oberliga der Pfalz. Ausverkaufte Kirchen waren die Regel, trotz der Fülle an Konzertprojekten damals. Stand Bachs h-Moll Messe auf der Agenda, erreichte die Konzertfolge jährlich schon mal zweistellige Aufführungszahlen. Dazwischen wurden Gustav-Adolf-Feste, Orgeleinweihungen, Festgottesdienste und Funkaufnahmen mit Schütz, Schein und Buxtehude ausstaffiert. Und mal eben noch vier Aufführungen „Weihnachtsoratorium“ nachgereicht.

Mosaik zusammengesetzt

Erarbeitet wurde das Repertoire auf einwöchigen Studienwochen, die damals noch unter „Freizeiten“ firmierten, obwohl Letztere spartanisch bemessen war. Denn nach dem ganztägigen Proben-Marathon gab es meist einen Kammermusikabend, damit auch den instrumentalen Fertigkeiten der Teilnehmenden eine Bühne bereitet war.

Schon damals gab es Regionalproben – junge begabte Kirchenmusiker aus dem Chor übten in Homburg, Kaiserslautern, Neustadt oder Ludwigshafen in Kleingruppen. Beim Freizeittreff dann, im Tagungshaus Haus Mühlberg in Enkenbach oder im Jugenddorf in Waldfischbach, wurde das Mosaik zusammengesetzt. Adolf Graf ließ das Werk „durchlaufen“. Er liebte es gar nicht, wenn er nachbessern musste.

Als der Spiritus Rector 1968 auf Drängen der Landeskirche doch in den Ruhestand wechselte, sahen wir schon das Ende der großartigen Kantorei gekommen. Der neue Mann am Pult, Heinz Markus Göttsche, Norddeutscher mit Zwischenstopp an der Christuskirche Mannheim, verstörte zunächst nicht nur durch seinen Zungenschlag und die irrige Vorstellung, man könne in der Pfalz mit einer Flasche Wein sechs Tenöre und fünf Sopranistinnen den ganzen Abend bei Laune halten (in diesem Punkt lernte er rasch dazu), sondern auch durch seine unermüdliche Lust an konzentrierter Probenarbeit.

Neue Ära beginnt

Der Eifer zahlte sich umgehend aus – und er diente als Türöffner in eine neue musikalische Ära der damals rund 80 Sänger. Göttsche erweiterte das Repertoire in Richtung 19. und 20. Jahrhundert – Mendelssohn-Oratorien, Bruckner-Messen, Frank Martins „In Terra Pax“ oder das Stabat mater von Penderecki wurden jetzt erarbeitet, aber auch die Marienvesper von Monteverdi war 1974 erstmals in der Pfalz zu hören. Ging es unter Graf um kraftvoll strahlenden Gesamtklang, so arbeitet Göttsche akribisch an der Stimmkultur, der Nuancierung und textaffinen Ausdruckstiefe.

Göttsches Probenstil stellte alles bisher Dagewesene auf den Kopf. Erstmals wurde der Chor vor den Proben eingesungen, Stimmbildung war für die meisten, vormals flockig aus dem Stegreif Jubilierenden ein absolutes Novum. Und er probte entspannt, konzentriert, niemals ungeduldig und stets hochmotiviert, ganz gleich ob 40 oder vier Leute vor ihm saßen. Das trug rasch Früchte.

Erste Garde an Solisten

Denn nun kam die Zeit der großen Konzertreisen; nach Wien und Linz oder mehrmals nach Paris, wo h-Moll-Messe-Aufführungen in der Salle Pleyel oder der Eglise Madeleine ausverkauft waren. Prag, Böhmen und Mähren, nicht zuletzt Opatja, Zagreb, Bratislava und Belgrad im ehemaligen Jugoslawien bleiben in Erinnerung. Immer wieder zählten auch die heimischen Auftritte der Jugendkantorei, ob in Obermoschel oder Speyer, zu Höhepunkten in den lokalen Kulturkalendern.Wie schon bei Graf war auch die Riege der Solisten stets erste Garde: Agnes Giebel, Ortrun Wenkel, Bruce Abel, Aldo Baldin, Jakob Stämpfli konzertierten vielfach mit der Jugendkantorei und – hätte nicht sein tragischer Tod kurz zuvor das vereitelt – wäre auch Fritz Wunderlich in Bachs Johannespassion als Evangelist auf dem Podium gestanden.

Intern demokratisierte sich der Chor durch Gründung eines Chorbeirats. Gesellschaftlich war man breit aufgestellt, im Gegensatz zu den Gründerzeitjahren, als vor allem behütete Kinder von Pfarrern, Lehrern und Ärzten andockten. „Wehe, wenn sie losgelassen …“, so unkte man damals nicht ganz ohne Grund.

Wehe, wenn sie losgelassen

Das Jungvolk zwischen 16 und 30 Jahren (ab da ist man bis heute Statut-gemäß „passives“ Mitglied) jedenfalls tobte sich jahrzehntelang mit allerlei Schabernack durch die Tagungshäuser, bis das geliebte Domizil Enkenbach, nach einer noblen Renovierung 1978, zur Tabu-Zone für die das „lose Zwitschervolk“ erklärt wurde. Das setzte ein ungutes Vagabundieren durch Jugendherbergen in Gang. Dass der Chor dennoch sein Niveau hielt, ja verbesserte, ist allein Göttsches Verdienst, der sich von äußeren Erschwernissen niemals beirren ließ.

Als er sich 1986 mit einer grandiosen Wiedergabe des War Requiems von Britten – der Geburtsstunde übrigens des heute bundesweit gefeierten Neustadter Frauenchors „Pfälzische Kurrende“ unter Carola Bischoff – in der Speyerer Gedächtniskirche verabschiedete, weinten wir am Ende alle. Er machte uns Mut, bat uns, seinem Nachfolger den Einstieg nach Kräften zu erleichtern. Das taten wir getreulich.

Dennoch: Wir fanden nicht zusammen; mit Rainer Udo Follert, dem Neuen im Amt des Landeskirchenmusikdirektors, ließ sich nicht störungsfrei drahten. Es funkte nicht inspiriert, sondern bedrohlich beim gemeinsamen Singen.

Der damals zuständige Dezernent – Oberkirchenrat Horst Hahn – zog die Notbremse. Er entband Follert vom Amt des Jugendkantorei-Leiters und bat Göttsche, der sich mit seinem Kantorat an der Landauer Stiftskirche eigentlich höchst wohl und ausgefüllt fühlte, um ein Interim. Drei Jahre brauchte der, um seine alte Jugendkantorei von der verbliebenen Handvoll Sänger wieder auf 60er-Stärke aufzubauen. Für uns, die wir mit ihm gearbeitet hatten, waren diese Jahre wie ein zusätzliches Geschenk.

Seit 25 Jahren Steuerwald

1995 übernahm Jochen Steuerwald, einst selbst Mitglied der Jugendkantorei, kaum 30-jährig das Dirigat und integrierte es 2008, als neuer Landeskirchenmusikdirektor, wieder in seine ursprüngliche Verortung. Ohne das gängige Repertoire zu vernachlässigen, sicherte er der Jugendkantorei eine gewisse Exklusivität. Wenig gespielte Werke, Schatzgräbereien in Segmenten verschütteter Barock-Kleinodien etwa, immer mal auch die Uraufführung eines Oratoriums aus zeitgenössischem Schaffen, nicht zuletzt Preise bei Bundes-Chorwettbewerben haben der Evangelischen Jugendkantorei der Pfalz überregional Reputation beschert.Freilich – Nachwuchs-Akquise gilt hier wie überall als permanente Herausforderung. Die Palette vergleichbarer Ensembles hat sich vervielfältigt, das Leben allenthalben diversifiziert. Die Jugendkantorei, jetzt auf gesunde Kammerchorstärke von mehr oder weniger 40 Aktiven eingependelt, unterliegt wie alle jungen Erwachsenenchöre einer steten Fluktuation. Das ist in Zeiten der Säkularisierung – durch den Pandemie-Shutdown noch verstärkt – eine Herkules-Aufgabe. Ich kann für mich nur sagen: Mit der Evangelische Jugendkantorei der Pfalz wurde mir das schönste Geschenk meiner Jugend zuteil, sie hat meine Persönlichkeit geformt, meinen Musikgeschmack verfeinert, meinen weiteren Lebensweg entscheidend geprägt, unzählige Freundschaften auf den Weg gebracht, die bis heute halten.

Deshalb, ihr jungen Stimmbegabten, Singwilligen und Musikbegeisterten: Lasst Euch das um keinen Preis entgehen!

Kontakt

http://www.ejuka.de

Quelle

Ausgabe Die Rheinpfalz Speyerer Rundschau – Nr. 243
Datum Montag, den 19. Oktober 2020
Seite 16