70 Jahre Jugendkantorei 2021

70 Jahre jung geblieben

Ein Chor feiert Jubiläum: Die Geschichte der Evangelische Jugendkantorei der Pfalz beginnt in einer Trümmerlandschaft und sie führt nach oben. Ein Rückblick auf sieben Jahrzehnte, in denen sie zum Spitzen-Konzertchor wurde, ohne zu altern. Und ein Ausblick auf die der Pandemie trotzenden Festkonzerte mit ihrem Leiter Jochen Steuerwald.

Von Gertie Pohlit Wenn ein Chor, der den Zusatz „Jugend“ im Namen führt, seinen 70. Geburtstag feiert, entbehrt das zunächst nicht einer gewissen Ironie. Die Evangelische Jugendkantorei der Pfalz freilich, im September 1951 mit einer ersten Studienwoche aus der Taufe gehoben, hat mit dem Anspruch des Namens Schritt gehalten und sich im Laufe der Jahrzehnte immer wieder verjüngt, ohne jemals Identität und Profil zu verleugnen. Grund genug zur Rückschau auf sieben Dekaden einer künstlerischen Einrichtung von Rang, die zugleich ein Stück angewandter Jugendarbeit ist.

Ihre Gründung 1951 in Räumen der heutigen Landauer Bildungsstätte Butenschoen-Haus, damals schlicht Predigerseminar, trug noch Nachkriegsspuren. Trümmerlücken zwischen Häuserzeilen, allenthalben bescheidene Budgets. Trotzdem oder gerade deshalb füllten sich die Kirchen, nach dem braunen Terror verlangten Menschen nach Spiritualität und lange entbehrter Kirchenmusik.

Anfänge in LandauAdolf Graf, Lehrer und leidenschaftlicher Kirchenmusiker aus Annweiler – 1953 wird er sein Amt als erster Landesmusikdirektor einer Regionalkirche innerhalb der EKD antreten – brauchte einen Konzertchor, zur Aufführung der großen Händel- und Bach-Oratorien, eine Talentschmiede zudem für künftige Kantoren. Die „Früchte“ dieses Unterfangens der Gründerjahre tragen klangvolle Namen und haben weit jenseits der Pfalz erfolgreich gewirkt; Karl Hochreiter etwa in Berlin, Wilhelm Krumbach in Franken, Hannelotte Pardall in Hamburg, Volker Hempfling mit der Kölner Kantorei und Frieder Bernius als Leiter des grandiosen Kammerchors Stuttgart.

Rasch hatte sich die Evangelische Jugendkantorei mit Sitz in Speyer also in die kulturelle Oberliga katapultiert. Ausverkaufte Kirchen waren in den 1950er- und bis weit in die 80er-Jahre die Regel, trotz der Fülle an Konzertprojekten, die den Singenden damals noch erhebliche Präsenz abforderte. Stand Bachs h-Moll Messe auf der Agenda, erreichte die Konzertfolge jährlich schon mal zweistellige Aufführungszahlen. Dazwischen wurden Gustav-Adolf-Feste, Orgeleinweihungen, Festgottesdienste und Funkaufnahmen mit Kompositionen von Schütz, Schein und Buxtehude ausstaffiert. Und mal eben noch vier Aufführungen „Weihnachtsoratorium“ nachgereicht.

Sommer bei Don AdelinoEinwöchige Studienwochen, damals „Freizeiten“ genannt, wurden durch sogenannte Regionalproben ergänzt – junge begabte Kirchenmusiker aus den eigenen Reihen übten in Homburg, Kaiserslautern, Neustadt oder Ludwigshafen mit Kleingruppen den Notentext. Beim Freizeittreff dann, im Tagungshaus Haus Mühlberg in Enkenbach oder im Jugenddorf Waldfischbach, wurde das Mosaik zusammengefügt. Eine Praxis, die sich bis heute bewährt hat, nun unter Leitung des Landeskirchenmusikdirektors. Die Sommerfahrt an den Gardasee zählte ab 1962 zum Jahresprogramm; die Jugendkantorei gestaltete Camping-Gottesdienste und bereicherte die Messen von Don Adelino, dem pfiffigen Padre von Marniga di Brenzone – ein Leuchtfeuer der Ökumene zu Zeiten, als kaum jemand das Wort zu buchstabieren in der Lage war.

Nach Grafs Ruhestand 1968 hieß der neue Mann am Pult Heinz Markus Göttsche. Das „Nordlicht“ verstörte die singende Pfälzer Jugend zunächst nicht nur durch seinen hanseatischen Zungenschlag und die irrige Vorstellung, man könne in der Pfalz mit einer Flasche Wein sechs Tenöre und fünf Sopranistinnen den ganzen Abend bei Laune halten (in diesem Punkt lernte er rasch dazu), sondern auch durch seine unermüdliche Lust an konzentrierter Probenarbeit. Erstmals gab es Stimmbildung vor jeder Probeneinheit.

Was sich umgehend auszahlte und als Türöffner diente in eine ganz neue musikalische Ära der damals rund 80-köpfigen Sängerschar. Göttsche erweiterte das Repertoire in Richtung 20. Jahrhundert – Mendelssohn-Oratorien, Bruckner-Messen, Frank Martins „In Terra Pax“ oder „Stabat mater“ von Penderecki wurden jetzt erarbeitet, aber auch die frühbarocke „Marienvesper“ von Claudio Monteverdi war 1974 erstmals in der Pfalz zu hören; legendär die Aufführung des dreichörigen 100. Psalms von Max Reger, gemeinsam mit der heutigen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz 1974 im BASF-Feierabendhaus in Ludwigshafen. Ging es unter Graf vor allem um strahlenden Gesamtklang, so arbeitete Göttsche akribisch an Stimmkultur, Nuancierung und textaffiner Ausdruckstiefe.

Nun kam die Zeit der großen Konzertreisen: nach Wien und Linz etwa, oder mehrmals nach Paris, wo h-Moll-Messe-Aufführungen in der Salle Pleyel oder der Église Madeleine bis auf den letzten Platz ausverkauft waren. Prag, Bratislava, Böhmen und Mähren, nicht zuletzt Opatija, Zagreb und Belgrad im ehemaligen Jugoslawien bleiben in Erinnerung. Und immer wieder auch zählten die heimischen Auftritte zwischen Homburg und Speyer, Meisenheim und Bad Bergzabern zu den Höhepunkten in den lokalen Kulturkalendern. Mit 16 Jahre konnte man beitreten, ab 27 war man gemäß Statut „passives“ Mitglied, was bis heute unverändert ist und nicht heißt, dass man mit Singen aufhören muss, im Gegenteil: Die etwas reiferen Stimmen sind hochwillkommen im sehr klaren, frischen Gesamtgefüge.

Wie schon bei Adolf Graf ließ man sich auch hinsichtlich der Solisten nicht lumpen. Agnes Giebel, Ortrun Wenkel, Bruce Abel, Claudia Eder, Aldo Baldin, Jakob Stämpfli konzertierten vielfach mit der Evangelischen Jugendkantorei und hätte nicht sein tragischer Tod kurz zuvor das vereitelt, wäre auch Fritz Wunderlich in der Bach’schen „Johannespassion“ als Evangelist auf dem Podium gestanden.

Singende SchatzgräberAls Göttsche sich 1986 mit einer grandiosen Wiedergabe von Benjamin Brittens „War Requiem“ – der Geburtsstunde übrigens des heute bundesweit gefeierten Neustadter Frauenchors „Pfälzische Kurrende“ unter Carola Bischoff – in der Speyerer Gedächtniskirche verabschiedetet hatte, ging man mutig auf den „Neuen“ zu. Gleichwohl: Mit Rainer Udo Follert, jetzt Landeskirchenmusikdirektor, ließ sich nicht störungsfrei drahten; es funkte nicht inspiriert, sondern bedrohlich beim gemeinsamen Singen.

Der damals zuständige Dezernent zog die Notbremse. Entband Follert vom Amt des Jugendkantorei-Leiters und bat Göttsche, den Ruheständler, um ein Interim. Drei Jahre brauchte der erneut bemühte Emerit, um seine alte Jugendkantorei von der verbliebenen Handvoll Sänger wieder auf 60er Stärke aufzubauen.

1995 schließlich übernahm Jochen Steuerwald, einst selbst Mitglied der Jugendkantorei, kaum 30-jährig das Dirigat und integrierte es 2008, als neuer Landeskirchenmusikdirektor, wieder in seine ursprüngliche Verortung. Ohne das gängige Repertoire zu vernachlässigen, sicherte er der Jugendkantorei eine gewisse Exklusivität, auch auf dem überregionalen Parkett im sich ständig ausweitenden Wettbewerb vergleichbarer Chöre. Wenig gespielte Werke, Schatzgräbereien in Segmenten verschütteter Barock-Kleinodien etwa, immer mal auch die Uraufführung eines Oratoriums aus zeitgenössischem Schaffen, nicht zuletzt Preise bei Bundeschorwettbewerben haben der Evangelische Jugendkantorei der Pfalz überregional Reputation beschert.

Zeitgleich mit dem Stabwechsel hatte sich ein äußerst reger Freundeskreis aus Ehemaligen zum Förderverein formiert, der in den vergangenen 26 Jahren neben viel ideeller und praktischer Unterstützung manches aufwendig ausgestattete Projekt erst ermöglichte; Konzertreisen sponserte oder für CD-Einspielungen in Vorlage ging.

Die Herkules-AufgabeFreilich: Nachwuchs-Akquise gilt hier wie überall als permanente Herausforderung. Die Palette vergleichbarer Ensembles hat sich vervielfältigt, das Leben allenthalben diversifiziert. Die Jugendkantorei, derzeit auf gesunde Kammerchorstärke von um die 40 Aktiven eingependelt, unterliegt wie alle jungen Erwachsenenchöre einer steten Fluktuation. Braucht ständig „frisches Blut“. Das ist in Zeiten der Säkularisierung – durch die Pandemie-Lockdowns noch verstärkt – eine Herkules-Aufgabe.

Mediale Werbung, auf praktisch allen Kanälen, eine Kirchenmusik, die sich stilistisch öffnet, ohne Qualität und Profil aus dem Auge zu verlieren, die in Metropolen ebenso präsent ist wie im Kirchlein auf dem Lande und immer wieder der Hinweis, „dass wir nahezu kostenfrei ein umfassendes Bildungsangebot, verknüpft mit Vermittlung sozialer Kompetenzen anbieten“ – das sind Steuerwalds Werbestrategien. Und immer wieder: großartige Ausflüge in den Gesamtkosmos Kirchenmusik.

Quelle

Ausgabe Die Rheinpfalz Ihr Wochenende – Nr. 199
Datum Samstag, den 28. August 2021
Seite 25