Die Juka feiert ihr Comeback!

Nahezu überirdisch schön

Mit einer aparten Werkauswahl zwischen Barock und Moderne erlebte die neue Chororgel in der Gedächtniskirche in Speyer am Sonntag nach der morgendlichen Weihe ihren ersten Konzertauftritt. Dabei sang nach langer Pause wegen Corona auch wieder die Evangelische Jugendkantorei der Pfalz. Beim neuen Instrument der Bonner Firma Klais hinter dem Altar wurden von Robert Sattelberger an diesem Abend alle Register gezogen.

Von Gertie Pohlit 
Bei dem Konzert mit Robert Sattelberger an der Orgel musizierten die Evangelische Jugendkantorei der Pfalz und die Kammerphilharmonie Karlsruhe unter Landeskirchenmusidirektor Jochen Steuerwald.

Es war dies die Stunde der Klais-Orgel, der hinter dem Altarretabel „unerhört Unsichtbaren“, wie ihre Erbauer sie in der Festschrift zur Einweihung verschmitzt bezeichneten: Im Konzert in der praktisch ausverkauften Gedächtniskirche durfte sie erstmals ihre klanglichen Tugenden zwischen schlichter Begleitung und sinfonischen Auftritt zu Gehör bringen.

Und es war dies auch ein bisschen die Stunde der Evangelischen Jugendkantorei der Pfalz, die sich im Jahr ihres 70-jährigen Bestehen endlich wieder im Konzertbetrieb zurückmeldete. In Kammerchorstärke von kaum 30 (sehr jungen) Stimmen, dabei qualitativ untadelig. Unter welch schwierigen Bedingungen ihr Leiter Jochen Steuerwald in diesem Alterssegment die Probephasen bewältigen musste, lässt sich nur ahnen.

Und schließlich war es vor allem die Stunde des Künstlers auf der Orgelbank: Kirchenmusikdirektor Sattelberger bewältigte einen solistischen Kraftakt sondergleichen mit der Präzision eines Uhrwerks und Eleganz eines Flaneurs. Chapeau!

Zuweilen kann die Not bekanntlich auch Tugend gebären. Steuerwald hatte ein Programm komponiert, das sowohl Corona-Einschränkungen berücksichtigte, als auch solide Einstudierung garantierte. Heraus kam eine Werkfolge von ebenso stimmiger wie in Teilen „unerhörter“ Qualität – im doppelten Wortsinn.

Eingebettet war das Arrangement in romantisches Wohlfühlen. Zu Beginn erklang die Hymne „Herr, wir trau’n auf deine Güte“ aus op. 36 von Mendelssohn und zum Ausklang Vertonungen aus den „18 Liturgischen Psalmen“ des jüdischen Komponisten Louis Lewandowski – unterstützt durch das komplette Orchester –, die der Orgel jeweils sanfte Begleitfunktion zuwiesen, vor allem aber die unverändert frische, zupackende, intonatorisch lupenreine Strahlkraft der Jugendkantorei prächtig ausstellte. Als Solistin setzte Nora Steuerwald mit einem wunderbar gerundeten, ebenso kraftvollen wie textnah und differenziert gestaltenden Mezzo Glanzlichter auf. Ein Stimme voller Charisma und großem Potenzial.

Mit Fantasie und Fuge g-Moll BWV 542 von Bach ließ Sattelberger die Puppen, Pardon: die vielfarbigen Register der Orgel tüchtig tanzen; im ersten Teil vielleicht ein Spur zu dick im Pedal, dafür hinreißend schön und schillernd in der Fuge, bei er ein ungemein sportliches Tempo vorlegte. Und unbeirrt brillant durchhielt. Erst recht im Folgenden war Sattelberger der unbestrittene Star. Das Konzert für Orgel, Streicher und Pauken von Francis Poulenc, 1938 im weitgefächerten g-Moll komponiert, ist viel zu selten zu hören. Steuerwald hatte sich dafür die in großer Streicherformation besetzte Kammerphilharmonie Karlsruhe mit ihrem wirklich exzellenten Perkussionisten geladen. Die bereiteten ein wahres Fest an klanglichen Blitzgewittern.

Robert Sattelberger wiederum, der Solist an der Klais-Orgel bewegte sich eloquent, trittsicher, ja geradezu lustvoll durch die Klippen der Partitur, perfektionierte den Schlagabtausch mit dem Orchester so aufregend, dass man sich selbst als Hörender rasch im Sog dieser rauschhaft schönen Musik gefangen fühlte.

John Rutters 1974 komponiertes „Gloria“ brachte noch einmal die Jugendkantorei wirkmächtig und hellwach aufs Podium, begleitet von Orgel und acht Blechbläsern nebst Percussion. Ein spritziges, besonders in seinem dritten, rhythmisch exaltierten Satz, überaus effektvolles Werk. Dass der fabelhaft einstudierte Chor vor allem im Schluss-Vivace gegenüber dem Instrumentarium leicht das Nachsehen hatte, lag weniger an der bemüht zurückhaltenden Klanggebung der sehr tonschön und kultiviert agierenden Bläser, sondern an den sattsam bekannten akustischen Verhältnissen im Chorraum der Gedächtniskirche. Steuerwald hätte wohl die Blechbläser wohl kaum weiter dämpfen können. Einen ungetrübten Genuss hingegen bescherte Satz zwei, mit seinem samtigen Klanggestus und den in fast überirdisch schönem Ebenmaß zelebrierten Pianos des traumhaft präsenten Chors. Ein großartiges Konzert mit langem Nachhall.

Quelle

Ausgabe Die Rheinpfalz Speyerer Rundschau – Nr. 232
Datum Mittwoch, den 6. Oktober 2021
Seite 18